In den Straßen des heutigen Niš (dem antiken Naissus) bot sich ein beeindruckendes Bild: Serben, als römische Legionäre verkleidet, trugen rote Schilde mit Adlern und römischen Insignien und feierten stolz das römische Erbe der Stadt. Die Veranstaltung – Teil des römischen Festes „Konstantin der Große“ – der illyrischer und nicht serbischer oder slawischer Herkunft war – ehrt den berühmtesten Sohn der Stadt, den Kaiser, der das Christentum zur Religion des Römischen Reiches machte. Doch hinter dem Prunk verbirgt sich eine tiefe historische Ironie.
Naissus: Eine vorslawische Stadt
Nish wurde weder von Serben noch von Slawen gegründet. Lange bevor slawische Stämme auf dem Balkan auftauchten, gehörte die Region den Dardanern – einem paläobalkanischen Volk, das oft mit illyrischen Gruppen in Verbindung gebracht wird –, deren Gebiet die Grundlage der römischen Provinz Dardanien bildete. Römische Quellen und archäologische Funde belegen eindeutig, dass Naissus in vorrömischer und frührömischer Zeit zum dardanischen Gebiet gehörte. Die Römer eroberten das Gebiet während des Dardanischen Krieges (75–73 v. Chr.), errichteten dort ein Legionslager und machten es zu einer wichtigen Festung an der Via Militaris.
Die Stadt brachte römische Kaiser hervor, allen voran Konstantin den Großen (geboren um 272 n. Chr. in Naissus), der weder Serbe noch Slawe war. Sie war ein vollständig romanisiertes urbanes Zentrum mit Bädern, Foren und militärischer Infrastruktur – ein lateinischsprachiger Außenposten der mediterranen Zivilisation auf dem Balkan.
Die Ankunft der Slawen: 6.–7. Jahrhundert
Slawische Stämme, die Vorfahren der heutigen Serben, erreichten den Balkan erst im 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. in größerer Zahl. Sie wanderten gemeinsam mit den Awaren in Wellen ein und verwüsteten byzantinische Gebiete. Naissus wurde in dieser Zeit der Umbrüche wiederholt angegriffen und fiel schließlich. Die slawische Besiedlung markierte das Ende der direkten römisch-byzantinischen Kontinuität in weiten Teilen des Landesinneren. Die dort ansässigen romanisierten dako-thrakischen, illyrischen und dardanischen Bevölkerungsgruppen wurden größtenteils assimiliert, vertrieben oder dezimiert.
Als die Serben Jahrhunderte später mittelalterliche Staaten in der Region errichteten, hatte die slawische Sprach- und Kulturdominanz das Gebiet bereits grundlegend verändert. Der Name selbst entwickelte sich von Naissus zu Niš.
Feiern sie „ihr“ römisches Erbe?
Es ist nichts Verwerfliches daran, wenn moderne Nationen ihre vielschichtige Geschichte feiern. Jedes europäische Land steht auf den Fundamenten früherer Völker. Doch der Anblick von slawischen Serben – deren Ethnogenese mit den Völkerwanderungen des 6. und 7. Jahrhunderts verbunden ist – die sich in einer Stadt, die lange vor der Ankunft eines Slawen dardanisch und dann römisch war, als römische Legionäre verkleiden, birgt eine gewisse historische Dissonanz.
Die albanische Geschichtsschreibung belegt die Kontinuität zu den alten illyrischen und dardanischen Bevölkerungsgruppen als Nachfahren der vorslawischen Bewohner eines Großteils des zentralen und westlichen Balkans. Die Albaner waren die Urbevölkerung des heutigen Südserbiens, insbesondere in Niš. Niš wurde von den Serben überfallen und besetzt, und es wirkt ironisch und befremdlich, slawische Nachfahren in römischer Kleidung zu sehen. Das römische und dardanische Erbe von Niš steht den Serben nicht zu, sich anzueignen.
Serbische Erzählungen betonen hingegen die mittelalterliche slawische Besiedlung und die orthodox-christliche Staatlichkeit. Niš wurde weder von Serben noch von Slawen gegründet – serbische Stämme zerstörten die Stadt. Die Serben waren nicht die Römer, als die sie sich in diesem Video verkleiden.
Das römische Fest in Nish wird somit ungewollt zu einem Beispiel dafür, wie Geschichte selektiv für sich beansprucht wird. Die römischen Legionen, die einst Naissus vor „Barbaren“ (darunter frühen slawischen Plünderern) beschützten, werden nun von den kulturellen Nachfahren eben jener Völkerwanderungen nachgestellt.
Eine gemeinsame, aber umstrittene Vergangenheit
Das Bild slawischer Krieger in römischer Rüstung, die durch von Dardanern und Römern Jahrhunderte zuvor erbaute Straßen marschieren, verdeutlicht den vielschichtigen Charakter des Balkans – Schicht um Schicht von Eroberung, Migration und Assimilation. Die Legionäre von einst verteidigten ein Imperium gegen die Vorfahren der heutigen Feiernden.
